“Durch das Land der Stürme”
4500 Kilometer mit dem Rad durch Patagonien
Routenverlauf: Buenos Aires - Puerto Madryn - Comodoro Rivadavia - Calafate - Fitz Roy - Torres del Paine - Wälder und Seenregion Argentinien/ Chile + Montevideo - Colon (Uruguay)
Etliche Stunden sitze ich nun schon im Flugzeug. Es ist Ende September. Spätsommer in Deutschland und beginnender Frühling dort, wo ich die nächsten drei Monate verbringen werde. Irgendwo über Brasilien erlebe ich den Sonnenaufgang und etwas später landet die Maschine ruckelnd auf dem Ezeiza Aeroporto- dem internationalen Flughafen von Buenos Aires. Nach vergeblichem Warten am Gepäckband begebe ich mich zum Schalter für vermisste Gepäckstücke und beschreibe das Aussehen einer meiner Radlertaschen. Inhalt: Diafilme, Zeltheringe, Kleidung, Werkzeug und spezielle Klickpedale.
Der freundliche Taxifahrer gab sich alle Mühe, den sperrigen Karton mit meinem Rad in seinem Wagen zu verstauen und chauffierte mich durch ein Meer von Vororten, den Barrios, zu einer günstigen Unterkunft in San Telmo, im Herzen der Hauptstadt. Vier Tage habe ich auf mein fehlendes Gepäckstück zu warten. Ich vertreibe mir die Zeit mit Streifzügen zu Fuß, mit Bus und Metro durch die 6 Millionen Metropole. Doch die interessantesten Orte befinden sich bereits in meiner nahen Umgebung. Die Cafes und Bars, die Antiquitätenläden und Flohmärkte und nicht zuletzt der Strassentango in San Telmo. Ein paar Blocks entfernt beginnt La Boca mit seinen weltberühmten bunten Hausfassaden italienischer Emigranten und mittendrin die gewaltige „Schüssel“ , das Stadion des legendären Fußballclubs La Boca Juniors. T-Shirts mit dem Konterfei des Nationalhelden Diego Maradona auf Schritt und Tritt. Auch nicht weit das Microcentrum mit den Parlamentsgebäuden, leider sehr bald Schauplatz blutiger Unruhen.
Endlich bringt ein Kurier am frühen Morgen mein Gepäck ins Backpacker Hostel und somit kann es auch endlich losgehen! Nach der Warterei in dieser heißen, stickigen Stadt sehne ich mich nach Patagonien, dem einsamen, weiten Landstrich im Süden des Kontinents, mit dem ich bereits 1997 Bekanntschaft machte, allerdings meist auf chilenischer Seite. Mit Matthias, einem 22 jährigen Niederbayer, der sich im Hostel kurzerhand entschloss sich ein Fahrrad zuzulegen und mich ein Stück zu begleiten, bestiegen wir den Bus nach Bahia Blanca, eine südlich von Buenos Aires gelegene Stadt. Einfach erst mal raus aus diesem Moloch.
Wir radeln über endlose Pampa gen Süden und mit Überquerung des Flusses Colorado beginnt Patagonien. Meist campieren wir am Straßenrand, manchmal ohne Zelt unter freien Himmel unter einem Meer von Sternen, fast hell genug zum Zeitunglesen. Nach etwa 800 km trennen sich unsere Wege. Der noch etwas untrainierte Mattes benötigt dringend eine längere Erholungspause und zudem war er für patagonische Wetterverhältnisse ziemlich unterausgerüstet. Er suchte per Bus sein Glück im warmen Norden Argentiniens. Mein Weg führt auf endlosen Strassen weiter Richtung Süden. Bald erreiche ich die tierreiche Halbinsel Valdez am Atlantik. Von einer sicheren Klippe beobachte ich die nur wenige Meter entfernten mächtigen Seeelefantenbullen mit ihrem Harem und brüllende Seelöwen. Mit einem offenen Motorboot fahre ich raus in die Bucht. Wie zur Begrüßung springt ein ausgewachsener Buckelwal aus dem schäumenden Meer und zeigt seine Größe. Walkühe mit ihrem Nachwuchs nähern sich neugierig unserem Boot, ein unvergesslicher Tag! Ich erreiche die Stadt Trelew. Hier und in Dörfern der Umgebung ist die Wiege walliser Emigranten. Rote Ziegelsteinhäuser mit gepflegten Gärten wirken wie eine Oase in der rauen Umgebung. Noch heute backen liebe wallisische Omis Kuchen nach alten Rezepten und servieren ihn mit gutem Tee in ihren gemütlichen Teehäusern bis du platzt. In Punta Tombo, der Bucht mit Argentiniens größter Pinguinkolonie, schauen mir tausende putziger Magellanpinguine ins Objektiv. Pinguine, wohin man sieht, torkeln wie betrunkene Partygäste in ihrem Frack vor mein Rad. Irgendwo, weit südlich vom Erdölhafen Comodoro Rivadavia, nehme ich Kurs auf unbefestigten Pisten, von Ost nach West, auf die Anden. An manchen Tagen begegne ich nicht ein Fahrzeug. Irgendwo in der stürmischen Steppe verbringe ich meinen wohl einsamsten Geburtstag in einem verlassenen Haus eines Geisterortes mit dem Namen Laguna Grande. In Gesellschaft einiger Spinnen bereite ich mir auf meinem Benzinkocher leckere Pasta mit gutem Wein. Am folgenden Morgen eine kuriose Begegnung. Die Insassen eines Pannenfahrzeuges, ein junges Pärchen aus der Hauptstadt auf den Weg in den Süden, machen bei meinem Anblick beinahe Luftsprünge. Sie versichern mir, daß sie noch für mindestens 3 Tage genügend Wasser dabei haben und geben mir eine geschriebene Nachricht für den Pannendienst im nächsten Ort mit, der immerhin noch über 100 km entfernt ist. Mühsam stemme ich mich Tag für Tag gegen den Wind auf ohnehin schlechter Schotterpiste, garniert mit faustgroßen Steinen, bis endlich am Horizont, einem Haifischkiefer gleich, die Zacken der Kordillieren aufragen. Unter ihnen der berüchtigte Bergsteigermythos! Die stets vereisten senkrechten Zinnen der Fitz Roy Gruppe. Mit Rucksack wandere ich zu seinen Gletschern und Basislager und genieße die Schönheit der Landschaft. Weiter südlich stehe ich sprachlos und ehrfürchtig vor dem Gletscher Perito Moreno. In dieser Region gibt es viele Gletscher. Doch dieser ist einzigartig. Er liegt 180 Meter unter und 90 Meter über dem Wasserspiegel des Lago Argentino. Eisberge so hoch wie Kathedralen! Seine Spalten schimmern wie mit blauer Tinte gefüllt im Sonnenlicht und dann und wann kracht ein großes Stück donnernd und zischend in die Fluten des Sees. Über endlose Piste nehme ich Kurs auf die chilenische Grenze. Zeltaufbau ist hier bei 120 km/h Böen oft unmöglich. Mal verbringe ich die Nächte ungemütlich in betonierten Regenausgleichsschächten unter der Strasse oder ich hab Glück und finde Aufnahme in einer abgelegenen Estanzia, den Farmen hier in Patagonien. Je rauher die Umgebung, desto herzlicher die Menschen. Diese Erfahrung machte ich schon bereits in anderen Regionen der Erde. In Puerto Natales, einem chilenischen Hafenstädtchen am Fuße der Kordilleren, treffe auf Petra aus Norderney. Ich lasse mein Rad in meiner Herberge zurück um gemeinsam mit ihr im Nationalpark Torres del Paine zu wandern, den ich bereits vor 4 Jahren schon einmal besuchte. Doch auch diesmal verschlägt es mir wieder die Sprache bei dem Anblick auf die 2500 m bizarr aufragenden Türme des Bergmassivs, zauberhaft umschlungen von mehreren türkis und smaragdgrünen Seen. 10 Tage haben wir für die Umrundung veranschlagt und entsprechend voll gepackt mit Proviant sind unsere Rucksäcke. Jedoch machen uns die patagonischen Wetterkapriolen mit 4 Jahreszeiten an einem einzigen Tag bald ein Strich durch die Rechnung. Das anfangs sonnige Wetter schlägt in heftigen Dauerregen um, der auf der Passhöhe als Schnee niedergeht und sie somit unpassierbar macht. Trotzdem steige ich soweit möglich auf die Höhe um den spektakulären Blick auf den gewaltigen Grey Gletscher zu erhaschen, der in den gleichnamigen, eisgrauen See mündet. Wie der Perito Moreno gehört dieser zum großen Inlandeis, der weltgrößten Eismasse außerhalb der Polarregion. Aus dieser hacke ich mir ein paar Brocken und schüttele sie in meiner Radlflasche zusammen mit etwas Puderzucker, Limonensaft und eigens dafür Hergeschleppten Flasche Pisco zu einem Cocktail, einem Pisco Sour, dem Nationalgetränk der Chilenen. Nach der achttägigen Wanderung trennen sich unsere Wege wieder und mit heftigen Rückensturm rausche ich über die Grenze zurück nach Argentinien zur Hafenstadt Rio Gallegos am Südatlantik, mein Zielpunkt in Patagonien. Von dort nehme ich einen Bus Richtung Norden und verlasse mit Wehmut dieses raue Land. Nach unzähligen Stunden in Überlandbussen treffe ich in Esquel, einem gemütliches Bergstädtchen in Patagoniens Nordwesten, ein. Ab hier radle ich gemeinsam mit Kristin aus Leipzig durch atemberaubend schöne Landschaften. Weite Nadelwälder, glasklare Seen vor schneebedeckter Bergkulisse und stets blühender Ginster und Lupinen am Wegesrand und vor allem wieder angenehme, sommerliche Temperaturen erinnern mich daran, dass ich ja auch zum Urlaub hierher gekommen bin. Wir treffen auf Bertil, einem Ranger, der in Zusammenarbeit mit den hiesigen Mapuche Indianern die Andenwälder wiederaufforstet. Zu meiner großen Überraschung kennt er Betzdorf gut aus seiner Zeit, als er im Forst des Grafen Hatzfeld in Wissen lernte. Vorbei an Fujijamagleichen gewaltigen Vulkanen überquere ich mit meiner Begleiterin die Anden um wieder auf chilenischer Seite den aktiven Vulkan Villarica zu besteigen. Ausgerüstet mit Steigeisen, Eispickel und Gasmasken erreichen wir nach mehrstündigen Aufstieg den rauchenden Schlund und genießen den spektakulären Ausblick vom Gipfel. Hinunter geht es übrigens auf dem Hosenboden. Den Eispickel vor der Brust haltend rasen wir mit unseren Synthetikhosen wie im Eiskanal, jauchzend, die weit herabreichenden Schneefelder hinunter. Die folgenden Tage radeln wir entlang der Pazifikküste vorbei an malerischen Fischerdörfern bis zur Provinzhauptstadt Temuco. Das chilenische TV überträgt Live Sondersendungen aus Argentinien. Das Land ist im Ausnahmezustand! Bei blutigen Unruhen, insbesondere in Buenos Aires, sind 24 Menschen ums Leben gekommen, zahlreiche verletzt. Ein mulmiges Gefühl beschleicht uns. Denn dorthin müssen wir jetzt am Ende unserer Reise zurückkehren! Hier in Temuco treffe ich auch auf Martin Köhler aus Molzhain, seit Buenos Aires mit seinem verschifften Motorrad unterwegs. Fast wäre dieses Treffen wegen missverständlicher Koordination und fehlendem Internet daneben gegangen. Nach einer feuchtfröhlichen, gesprächsreichen Westerwälder Nacht in mehren Kneipen bestiegen Kristin und ich den Bus nach Santiago. Von dort weiter über die Grenze nach Mendoza und erreichen nach insgesamt 36 Stunden im Bus die argentinische Hauptstadt am Vorweihnachtsabend. Wir verbringen hier nur die Nacht und schiffen am folgenden Morgen für die Überfahrt nach Montevideo ein. In der reizvollen Hauptstadt Uruguays besinnen wir uns bei „winterlichen“ 40° + auf Weihnachten und verbringen die Zeit zwischen den Jahren an den La Plata Stränden bis wir zur Silvesterfeier wieder nach Buenos Aires zurückkehren. Es liegt eine Spannung in der Luft. Unübersehbar die Spuren der Verwüstung im Bankenviertel. Das Parlamentsgebäude ist mit Barrieren abgesperrt und zusätzlich geschützt durch ein Ring Sondereinsatzkräfte der Polizei. Wir steigen im gleichen Hostel in San Telmo ab, wie bei meiner Ankunft.
Hier ist die Notlage des Landes weniger spürbar. Nach wie vor wird hier der Tango auf den Plätzen getanzt. Tango, ein trauriger Gedanke den man tanzen kann, wie es heißt. Die Silvesternacht verläuft relativ ruhig in der Millionenmetropole. Die Menschen hier stehen vor einer ungewissen Zukunft. Schon allein während meines dreimonatigen Aufenthaltes hier erlebte ich 4 verschiedene Präsidenten oder waren es mehr?! Am Nachmittag des Neujahrstages sitze ich unter 60 argentinischen Blauhelmsoldaten im Flieger nach London. Vorbei ist meine nun 7. Radtour. Knapp 4500 zeigt mein Kilometerzähler. Wie jede Reise wird auch diese mir unvergesslich bleiben mit Eindrücken außergewöhnlicher Landschaften und den herzlichen Begegnungen mit seinen Bewohnern. Es wirkt wie ein kleiner Schock auf mich nach zuletzt langen warmen Sommertagen ins winterliche Deutschland mit seinen kurzen Tagen zurück zu kehren. Der Alltag hat mich wieder.
Kunterbuntes La Boca in Buenos Aires
Endlose Weiten in Patagonien
Torres del Paine in Sicht
Toller Ausblick vom Gipfel des Vulkans Villarica (Chila) auf den Lanin (Argentinien)






