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“Durch Schnee und Wüstensand”
Mit dem Mountainbike durch Nordindien, Nepal, Tibet und Rajasthan
Von Andreas Wever
“Welcome to India” flötet mir der Taxifahrer am Indira Gandhi Airport in Delhi um Mitternacht entgegen, als er freudig meine Gepäckstücke in den Kofferraum seines
Ambassadors wuchtet. Mein
Bike ist offenbar beim Zwischenstopp in London hängen geblieben und soll mir nachgesandt werden. “You first time in India?” erkundigt sich mein Chauffeur als wir in die City brausen. “No, I’ ve been ten times here” lüg ich ihn an, versuche dabei lässig und weltmännisch zu wirken. Einfach in der Hoffnung, er lässt alle schmutzigen Tricks und bringt mich umgehend zu meinem Wunschhotel. Das tat er nicht. (Angeblich) außerstande es zu finden liefert er mich stattdessen in einem Touristoffice ab, geöffnet selbst (oder grade) Mitternachts, zum Beispiel für gestrandete Delhi- Neuankömmlinge. “Welcome to India” begrüßt mich das Personal und ist mir geschwind bei der Hotelvermittlung behilflich. “No Problem!“ (Eine oft gebrauchte indische Floskel. Doch unmittelbar nachdem diese Wörter ausgesprochen werden, fangen die Probleme eigentlich erst an) Das Telefonat mit meinem Wunschhotel ergibt, dass es belegt sei. Mit Sicherheit hab ich bereits den Manager der mir nun empfohlenen Unterkunft an der Strippe. Von Müdigkeit übermannt, gebe ich mich geschlagenen und steige in dem empfohlenen Hotel in der Nachbarschaft ab. So bekommt hier jeder was vom Kuchen ab: Das Hotel, das Tourist Office und der Taxifahrer. Zwei Tage später wird mir endlich mein Fahrradkarton frühmorgens ins Hotel zugestellt. Zeit hier endlich einen Abgang zu machen. Bei Präsentation der Rechnung schlägt meine Stimmung vollends um. Hab ich mich vor zwei Nächte zuvor irgendwie verhört? So ein Wucher für die Schmuddelbude?? Niemals! Zu allem Überfluss mischt sich nun auch noch die Belegschaft des Touristoffice in die lautstarke Debatte ein und wollen auch noch irgendwas. In dem Durcheinander schwing ich über die Theke, schnapp mir das Registrationsbuch und erkämpfe mir, wie ein American Footballer, damit den Weg ins Freie. Sieh an! Es offenbart mir Rechnungen, die um ein Zehntel unter des bei mir Verlangten liegen! Als ich das Buch zurück in die Menge werfe, erscheint ein Engel in Gestalt eines stämmigen Sikh mit seiner Motorrikscha. Geschwind schieben wir den Bikekarton hinten quer hinein, die restlichen Packtaschen werden dazwischen gequetscht und auf dem Schoß des Fahrer sitzend entfliehe ich dem hiesigen Getümmmel ins Travellerviertel am Main Bazaar im Bahnhofsviertel Parganj. Ein paar Streifzüge durch Old Delhi, mit seinem chaotischem Verkehr, festigen in mir die Einsicht, mit dem Rad NICHT von Delhi aus zu starten.
Wegen günstiger Erreichbarkeit fällt meine Entscheidung
auf Dehra Dun, Hauptstadt des nördlichen Bundesstaat Uttaranchal, als Ausgangsposition und am nächsten Morgen besteige ich einen gut gefüllten Bus. Mein Sitznachbar aus Bombay fasst schnell Vertrauen und überlässt mir bei Toilettenpausen die Aufsicht für die Asche seiner Mutter in einer Plastiktüte.
Grade mal 250 km nordöstlich von Delhi, erheben sich die Bergprovinzen Kumaon und Garhwal, die zusammen den neu gegründeten Bundesstaat Uttaranchal bilden, von den fruchtbaren Tiefebenen. Im Norden
bilden gewaltige, schneebedeckte Gebirgszüge die Grenze zu Tibet, die sich im östlichen Nepal fortsetzen. Meine erste Tagesetappe schließe ich nach 60 km in Rishikesh ab. Dieser bunte Zusammenschluss mehrerer
kleiner Dörfer war seit eh und je Raststation für Sadhus und Sannyasins auf ihren langen, beschwerlichen Pilgerweg in die Abgeschiedenheit des Hohen Himalayas. Eingebettet zwischen dicht bewaldeten Berghängen liegt
der Ort entlang des noch jungen Ganges, der hier kraftvoll in die Nordindischen Tiefebenen donnert. Seit Jahrzehnten wurde Rishikeh auch zunehmend Ziel für indische Pilger und Urlaubermassen, dazu zahllose,
zivilisationsmüde Sinnsuchende aus dem Westen, die ihr Heil in einem der zahlreichen Ashrams zu Finden hoffen. Die Beatles brachten die Welt der Gurus und Yogis 1968 weltweit in aller Munde, nachdem sie drei Monate
im Maharishi Mahesh verbrachten, bis sie unter anderem ihr Frühstücksei vermissten (Ringo Starr) und vorzeitig abreisten, jedoch dann das legendäre “White Album” aufnahmen. Heute wirkt Rishikesh ein wenig wie ein
bunter Jahrmarkt der Erleuchtung. Ein Club Meditation. Gelehrt wird von Gurus, aber auch viele die sich dafür halten, unter anderem alle Formen von Yoga und Meditation. Gerngesehen sind natürlich
zahlungskräftige Freizeitfreaks aus dem Westen.
Hier folge ich dem Lauf des Ganges stromaufwärts. Ein herrliches Gefühl von Abenteuerlust und Neugier befällt mich schon nach wenigen Kilometern in dieser bezaubernden Landschaft. Wie aus dem Dschungelbuch! Ohne Schwierigkeiten finde ich am Ende eines jeden Tages auch in kleinen Dörfern bescheidene, jedoch gemütliche Unterkünfte und verbringe gesellige Abende
mit den freundlichen und neugierigen Bewohnern. Nach einigen sonnig heißen Tagen meldet sich der Monsoon kurz mit heftigen Regengüssen zurück, bis ich Almora erreiche. Dieser gemütliche Ort ,auf einem Bergrücken
gelegen, bietet bei Sonnenuntergang wieder einen atemberaubenden Blick auf die rosa schimmernden Gipfel der Himalayas. Zwei israelische Mädels laden mich hier zu ihrem Neujahrsfest ein.
Schlechte Nachrichten aus Nepal ändern meine Pläne! Da die maoistischen Rebellen die Verhandlung mit der Regierung als gescheitert erklärten und nun in weiten Gebieten Ost und Westnepals wüten, radle
ich statt über die Westgrenze weiter südwärts und erreiche am Abend, auf einer Höhe von knapp 2000 m gelegen, den spektakulären Kratersee Nainital. Mit seinen vielen Hotels, Restaurants und Souvenirläden und den
ganzen Touristenrummel auf den Uferpromenaden, wirkt dieser Flecken etwas wie ein “Klein Gardasee.
Jedoch sehr hübsch und auf alle Fälle gute Speisekarten in den zahllosen Restaurants entlang des Ufers. Nach rasanter Abfahrt nehme ich Kurs auf den Eisenbahnhaltepunkt Barreilly. Die Hitze des Tages
nimmt selbst in der Nacht kaum ab. Das gefällt den vielen Insekten in meiner Unterkunft. Eine willkommene Abwechslung beschert mir ein Schwätzchen mit einem vorzüglich Englisch sprechenden Männchen in einem Teehaus.
Durch fingerdicke Brillengläser blinzelnd, berichtet er mir über Kontakte zu seiner verstorbenen Frau , worüber er auch gerade ein Buch verfasst. Netterweise war er mir auch beim Erwerb einer Zugfahrkarte behilflich
und bald sitze ich in einem vollklimatisierten 1. Klasse Schlafwagen Richtung Lucknow. Die auf und ab schwadronierenden Polizisten im Wagon entpuppen sich als Leibwache eines ehemaligen Ministers, dessen Sohn
seine Neugier nicht bremsen kann und sich zu mir gesellt. Wir schwatzen über unsere Länder und dem Zweck meiner Reise, dann weiht mich der Student in die Hinduistischen Gottheiten ein. Der chaotische Verkehr
Lucknows übertrifft selbst den von Delhi! Ein galaktisches Durcheinander herrscht auf den Strassen und besonders den Kreuzungen. Schrottreife Autos, Kühe, Menschen, zerbeulte Busse, Fahrradrikschas, Hunde und
unzählige Motorroller suchen sich ihren Weg über den verpesteten und verstopften Asphalt. Nach zwei Tagen nehme ich den Bus ins weiter westlich gelegene Gorakhpur. Ab hier wage ich mich wieder auf mein Rad und
steuere den nördlich gelegenen Grenzübergang Sonauli an. Die Nacht verbringe ich in einem der lieblosen, schäbigen Transithotels und überquere am darauf folgenden Morgen die Grenze nach Nepal. Nachdem mich mein Weg
zuerst über die Ebenen des Terrai führt, folge ich dann dem Lauf des reißenden Trisuli durch enge Flußtäler und Schluchten. Erdrutsche rissen hier grade erst einige Fahrzeuge in die Fluten! Mehr schiebend als
radelnd versuche ich an steckengebliebene Trucks und Bussen vorbei zu kommen. Bei Mugling wird das Flusstal breiter und die Strasse steigt an zu höher gelegenen Kathmanduvalley. Reichlich durchgeschwitzt erreiche
ich die letzte Anhöhe und rolle rechtzeitig zur Kaffee und Kuchenzeit ins quirlige Kathmandu ein.
Meine Unterkunft beziehe ich, wie schon stets in vergangenen Jahren, im Travellerviertel Thamel. Wie ein Fremdkörper wirkt dieser Stadtteil in der Himalayametropole, erfüllt es doch zunehmend alle
westlichen Bedürfnisse, wie z. Bsp mein Hunger auf Pizza und ein paar Bier nach all zu viel Daal Baat (Reis mit Linsenbrei) im Terrai. Hier treffe ich, wie erwartet, Jochen, einen alten Globetrottergefährten aus
vergangenen Tagen. Zusammen sondieren wir die wieder erschwerten Möglichkeiten zu einer Tibeteinreise in Reisebüros, an Pinnwänden von Cafes und bei anderen Globetrottern. Schnell wird uns klar, dass es keine
andere Möglichkeit gibt, als eine Überlandfahrt in einer Gruppe. Kostenpunkt nicht unter 200 US$ pro Nase für eine 4 Tägige Überlandfahrt im Jeep nach Lhasa. Zudem werden unsere Einzelvisas storniert und bekommen
stattdessen nur 21 Tage Gruppenvisum! Wir buchen und verbringen noch ein paar Tage in Nargakot, knapp 40 km außerhalb gelegen auf einem Bergrücken mit spektakulären Blick auf die Himalayas im Norden und ins
Valley im Süden. Leider zwingt mich Fieber, Schwäche und ein mysteriöser Ausschlag zurück nach Kathmandu. Nachdem ich einige Tage Saft und Kraftlos das Bett hüte und nichts anderes als Tee zu mir nehme, schleppe ich
mich Abends, zur Happy Hour Stunde in eine Bar und gebe mir die Kante. Dies scheint in der Tat
meine Lebensgeister wieder geweckt zu haben, fühle ich mich am kommenden Morgen doch deutlich frischer! Mit Julie, einer kalifornischen Radlerin ,entdeckt auf einer Pinnwand, finde ich eine weitere Mitstreiterin auf dem Weg nach Tibet. Nachdem auch Rita K (Name vom Autor verändert)aus Köln verabredungsgemäß mit dem Flieger eintrifft, sind wir nun zu viert. Die Gruppe steht! Noch ein Wiedersehen (nach ’ 98) bei Sonam, Nepals erstem Mountainbikechamp und ein Kurzcheck meines Rads und es kann losgehen. Nach nun mehr 12 Tagen Aufenthalt in Kathmandu und seiner Umgebung hängt mir dieser Ort ziemlich zum Hals raus und ich bin froh, als wir am kommenden Morgen in der Frühe mit weiteren Touristen endlich im Bus zur 130 km entfernten Grenze rollen!
Wir sind keine 40 km vom Grenzübergang entfernt, als sich unser Bus an einer
steilen, unbefestigten Serpentinenstraße fest fährt. Zur Linken donnert in 50 m Tiefe der Bhote Koshi schäumend durch den Canyon. Der Fahrer würgt den Motor ab und wir rollen rückwärts! Wie ein Wilder pumpt er auf der Bremse - ohne Wirkung. Wir rollen immer schneller rückwärts die Straße herunter, verzweifelt versucht der Fahrer, über die Schulter schauend, die Kurven zu meistern. Soll hier bereits unser aller Ende sein? Schrumms, mit einer letzten Lenkbewegung lässt der Fahrer das Heck gegen eine Felswand donnern. Mein Sitz reißt aus der Verankerung und
gemeinsam mit Jochen purzel ich nach hinten. Keiner der Insassen bleibt gänzlich ohne Blessuren und einer trug leider gar übelste Gesichtsverletzungen davon. Die Grenze erreichen wir in einem überfüllten Dorfbus.
Hier an der “Freundschaftsbrücke” erfolgt dann die Zuteilung auf die chinesischen Jeeps. Außer uns vier, verteilen sich noch drei Schotten, zwei Brasilianerinnen, ein New Yorker und ein Japaner auf die drei
bereitstehenden Landcruiser. Die Nacht verbringen wir im einige km höher liegendem Zanghmu , nicht ohne ein paar gemeinsame Bierchen auf den Schock. Drei Tage benötigt unser Multiculticonvoy über mehrere Pässe mit
atemberaubenden Panoramen und staubigen, endlosen Buckelpisten nach Lhasa. Der relativ rasche Anstieg auf Höhen über 5000 m, macht besonders Rita zu schaffen. Mit schneeweißem Gesicht verteilt sie eine tibetische
Tuphkasuppe in den nächsten Strassengraben.
Majestätisch und erhaben thront der Potalapalast über die hässlichen, chinesischen Stadtteile. Wir beziehen unserer Quartier im beliebten Budgethotel Banakshol. Alle sofort unternommene Bemühungen um
eine Visaverlängerung scheitern kläglich im Büro der Sicherheitspolizei an einem, jungen, schneidigen Offizier. Wir besuchen den Jokhangtempel und das außerhalb gelegene Kloster Deprung. Durch weitere Versuche
irgendwo noch was zu drehen und wegen diversen Problemen an Martinas Rad, brechen wir erst Tage später zum Namtsosee auf. Julie mietet gemeinsam mit den Schotten und Jochen einen Jeep, da sie als Amerikanerin ein
noch kürzeres Visum erhielt.
Endlich wieder “on the road”! Diese vielen radellose Tage in Kathmandu, im Jeep und in Lhasa, kratzen langsam an meinen Nerven. Der Aufbruchtag beschert uns Rückenwind auf
ebener, geteerter Piste. Trotzdem kommt Rita nicht auf Touren und ich warte von Zeit zu Zeit bis sie wieder in Sichtweite kommt. Da dies immer länger dauert, schnalle ich mir zwei ihrer Packtaschen hintendrauf, ohne
merkliche Erleichterung für sie. Wir passieren kleine Dörfer. Bauern dreschen fleißig die Gerste, Kinder hüpfen jauchzend und winkend am Strassenrand. Frühzeitig campieren wir abseits der Strasse. Auch am Folgetag
die gleichen guten Bedingungen. Nur baut Rita zunehmend ab. Mönche eines kleinen Klosters laden uns ein zum Tee. Es ist Abend, als sie als Ursache fehlende Luft in ihrem Hinterrad ausmacht. Da sie kurz vorm
Zusammenbruch steht, wählen wir eilig den nächstmöglichen Platz für das Zelt.
Was so ein bisschen Luft bewirkt! Mit neuem Schwung meistern wir den 5150m hohen Largen Pass, wo sich ein atemberaubender Ausblick auf den riesigen Namtso See eröffnet. Es dämmert und wir finden in
einer einfacher Herberge Unterschlupf. Am folgenden Morgen begegnet uns der Jeep unserer Freunde. Jochen wirkt krank, angekratzt und übel gelaunt. Wie ein Kutter auf hoher See schaukeln unsere bepackten Räder auf
der staubigen Buckelpiste dem Ufer mit dem Pilgerkloster Tashi Dor entgegen. Am Fuße der felsigen Halbinsel tummeln sich hunderte Pilger, meist in LKWs angereist, aber auch zu Fuß, aus nah und fern. Noch am späten
Nachmittag mischen wir uns, die Halbinsel umwandernde, Schar. Weit über den türkisen See erhebt sich die gewaltige, schneebedeckte Nyenchen Tanghla Kette. Rita bekommt Kopfweh und verzieht sich ins Zelt. Leider ist
sie auch ohne unterhaltsam wie Betzdorf um Mitternacht. Am folgenden Tag erklimme ich bei starkem Wind einen der Hügel. Das Wetter schlägt um und die Berge verschwinden in tiefschwarze Wolken. Ein tibetischer
Polizist bringt uns mit seinem Pickup zurück nach Lhasa. Auf der Passhöhe gerieten wir gar in Schneegestöber.
Zurück in Lhasa verbringe ich die Nacht zu meinem Geburtstag in einer der vielen Karaokebars mit laienhaft wirkenden Auftritten von Volkstanzgruppen. Da uns nicht mehr viel Zeit bleibt, verlassen wir
mit Jochen am folgenden Morgen Lhasa mit dem Bus nach Shigatse. Selbst das
ist offiziell nicht erlaubt und nur nach vielen Verhandlungen möglich. Nach einem äußerst langweiligen Geburtstagsessen am Abend mit meinen beiden ewig heißes Wasser trinkenden Genossen, machen wir uns am frühen Morgen auf die Suche nach einer weiteren Mitfahrgelegenheit. Nach unserer Berechnung verbleibt uns gerade genug Zeit um vom Abzweig am Friendshiphighway hoch zum Basislager zu radeln, ein paar Tage dort zu bleiben und wieder zurück. Jochen entwickelt sich mehr und mehr zum Dauernörgler über alles, Martina jammert weiter über sich selbst. Ein Jeep bringt Jochen nach Lhatse und uns weiter nach Shegar. Am Abend kommt es zum Konflikt mit Rita, bei dem ich wohl der Hauptschuldige bin, aber auch zur vorerst bereinigenden Aussprache. Da am folgenden Morgen Ritas Gepäckträger Probleme macht, kommen wir nicht ganz so früh los. Nach wenigen Kilometern erreichen wir den Abzweig, der zu dem Punkt auf Erden führt, der dem Himmel am nächsten ist. Zum Basislager des Mt. Everest! Doch zuvor müssen wir noch einen vorgelagerten Pass überwinden. In weiten Kehren windet sich die Strasse hinauf zum 5210 m hohen Gyawola Pass. Waaaahnsinnspanorama! Kräftig pfeift uns der Wind um die Ohren, beim Blick auf die Himalaya Hauptkette mit mehreren Achttausendern. Mittendrin thront der Everest. Das nächste Dorf
im Tal erreichen wir schiebend im Dunkeln, was bei Rita zu einem hysterischen Ausbruch nebst Heulkrampf führt. Wehmütig denke ich zurück an vergangene Tibettouren. Ans nächtliche Vorbeischleichen an Checkposten
inklusive Flussdurchquerungen. Nun ist sie der Überzeugung , man müsse Pannen in die Tagesetappen einplanen. Damit meint sie neuerliche Probleme mit ihrem Lowrider an der Federgabel. Das hätte bedeutet, wir hätten
früher starten müssen. Haben wir aber nicht, weil Reparaturen an ihrem dreimalsoteuren Drahtesel am Morgen zu erledigen waren. Das Rad scheint sich ihr anzupassen. Also einigen wir uns darauf dass ich der
Übeltäter war, weil zu viel Zeit auf dem Pass verbummelt. Diese Frau schafft mich allmählich mehr als ein Sack Flöhe im Schlafsack. In einem kleinen Dorfhotel treffen wir auf eine geführte, vierköpfige
Mountainbikegruppe aus München, nebst Begleitfahrer, LKW, tibetischer Guide und noch einen jungen nepalesischen Bikeguide.
Voller Enthusiasmus und Vorfreude auf die Krone des Dach der Welt, schwinge ich mich am folgenden Morgen auf mein Rad. Der Everest wartet und die Kölsche “Frohnatur” hängt sich an die Münchner. Nach
einem weiten Hochtal, windet sich die Strasse moderat aufwärts.
Beim Anblick der grandiosen Nordwand stockt mir der Atem. Ein tiefblauer Himmel liegt über dem eisigen Felsgiganten. Ich erreiche das höchste Kloster der Welt - Rongbuk. Ohne viel Zeit zu vergeuden,
deponiere ich mein Kram in der Klostereigenen Herberge und strample die letzten Kilometer zum eigentlichen Basecamp. Nur wenige Expeditionszelte stehen hier verloren auf dem verschneiten Plateau. Ein schlichtes
Betonschild weist auf die 5200 m Höhe des Lagers hin, am Fuße des Qomolangma, wie der Berg hier heißt. Für wenige Minuten genieße ich noch den Ausblick, bevor die Sonne im Westen hinter einem Bergrücken
verschwindet. Rasch wird es dunkel und sehr eisig. Zwei Tage verbringe ich in der Herberge, bevor ich mich auf den Downhill begebe. Kurz vorm letzten Dorf am Fuße des Passes dann das Debakel. Der Länge nach reißt
meine Hinterradfelge auf und blockiert die Bremse. Nachdem ich etwas unsanft über den Lenker absteige, verabschiedet sich mit einem lauten Knall der aufgeblähte Schlauch. Nicht wenige Dorfbewohner springen daraufhin
in Deckung. Schöne Bescherung! In dem Dorfhotel treffe ich auf unseren damaligen Fahrer bei der Einreise! Seine beiden Passagiere, eine Honkongchinesin und eine Kanadierin erklären sich einverstanden, mir einen Lift
nach
Shegar zu geben. Schwein gehabt! Denn ich stehe jetzt auch unter Zeitdruck, mit Jochen, der mich dort erwartet, rechtzeitig die Grenze nach Nepal zu erreichen. Auf der Ladefläche eines Trucks gelangen wir nach Tingri. Dort bringt uns und zwei Franzosen ein Jeep noch am Abend zum Grenzort Zanghmu. Am nächsten Morgen schiebe ich mein Rad wieder über die Freundschaftsbrücke. Grade mal vor drei Wochen starteten wir hier erwartungsfroh und erlebten dann alle Höhen und Tiefen.
Wieder zurück in Kathmandu . Grübelnd sitze ich am Morgen im hübschen Garten der Pumpernickel Bakery. Die positiven aber auch vielen negativen Erlebnisse aus Tibet sind noch nicht so richtig
verdaut. Hat es mir etwas gegeben oder war alles eine große Enttäuschung? Die bescheuerten Chinesen, eine doofe Mitradlerin und obendrein noch das Rad im Arsch - echt toll gelaufen. Die Frage nach: Was tun mit
verbleibender Zeit verdränge ich und vergrab mich erstmal in eine Zeitung. Ich brauche Zerstreuung! Schalke 04 ist aus dem Pokal und im Uefa-Cup rausgeflogen und stürzt in der Liga ab, lese ich unter Schock, da
gesellt sich jetzt zu allem Überfluss eine Frau auf dem freien Stuhl mir gegenüber. Hab echt keinen Bock jetzt zu quatschen, frag aber irgendwas Belangloses, um das unangenehme Schweigen zu brechen. Da sie
mich für einen Franzosen hält und auch ich sie für irgendwas, bedarf es erst einige Sätze in Englisch, bevor wir auf Deutsch umschwenken. Die Dinge nehmen seinen Lauf, als ich am nächsten Morgen gemeinsam mit Anja
aus dem platten Münsterland im Bus Richtung Grenze zu Indien sitze, nachdem wir am Vorabend einen netten Abend in einem Restaurant verbrachten. Mein Hinterrad hat mir der gute Sonam erneuert und auch
Rita fand offenbar ihr Happy End - mit dem nepalesischen Guide. Ich bin froh Kathmandu zu verlassen. Bloß nicht wieder hier rumhängen! Ich entschied mich zurück nach Delhi zu fahren, dort den Großteil meiner
Ausrüstung zu deponieren und dann durch Rajasthan zu radeln.
Am diesigen Morgen schreiten wir über den siffigen Grenzort Sonauli nach Indien. War ich zu bequem nach einem Bus zu suchen oder war es einfach das gegenseitige Gefühl uns nicht so schnell auf
den Geist zu gehen?! Jedenfalls sitze ich plötzlich mit Anja im nächsten Bus - nach Varanasi. Vermutlich aber nur, weil mich die verzweifelte, aber hartnäckige Suche nach einem heißen Kaffee im morgendlichen
Sonauli davon abhält, nach einem Bus Richtung Gorakhpur Ausschau zu halten.
Varanasi - die Stadt des Lichts, die ewige Stadt, der heiligste Ort der Hindus! Varanasi ist fast unbeschreiblich. Lange Treppen , die Ghats, säumen hier die Ufer des Ganges, zu dem Tausende Pilger
strömen. Ein rituelles Bad mit einem Schluck aus den Fluten verspricht Verheißung. Nach Varanasi kommen auch unzählige Kranke und Alte, zum Sterben. Welches eine Erlösung vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburt
bedeutet. Dies dürfte nicht all zu schwierig sein nach ein paar Schlückchen aus der stark verschmutzten Brühe. Wir kommen unverhofft zum richtigen Zeitpunkt. Es ist Diwali. Das größte Fest der Hindus. Es ist wie
Weihnachten und Ostern zusammen! Und das erleben wir nun am heiligsten Ort der Hindus. Der Vollmond ist nur noch das Sahnehäubchen. Tausende Ölkerzchen leuchten an den Ufern der bezaubernden Stadt. Tausende Kerzen
auch auf kleinen Blätterschiffchen auf dem Ganges soll je einen Wunsch erfüllen. Natürlich schicken auch Anja und ich ein Solches Richtung Indischen Ozean. Mehr und mehr Menschen drängeln sich auf den Ghats.
Trommelmusik versetzt die Masse in einen Rausch. Früh am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang,
rudert uns ein schlaftrunkener Gondelier entlang den Ghats. Der Nebel wabbert noch über dem Wasser, während schon hunderte Pilger ein Bad nehmen oder die Asche ihrer Verstorbenen in die Fluten streuen. Frauen in ihren farbenfrohen Saris und dem Gesicht zur aufgehenden Sonne, heben ihre Hände zum Gruß des Gottes Shiva. Der Kadaver eines Menschen treibt dicht an unserem Boot, aber auch an den Badenden vorbei. Niemand scheint Verwunderung, Anstoß oder Empörung zu empfinden. Alles ist Leben. Alles fließt dahin - ein immerwährender Kreislauf aus Leben und Tod.
Lange 15 Stunden verbringen wir im Zug nach Delhi. Ein zugekiffter Italiener, dem offensichtlich das Sterben in Varanasi nicht gelang, sorgt auf der langen Fahrt für Kurzweil
und Erheiterung im Abteil. Vor allem bei den Indern sorgt er für helle Begeisterung, da er von oberster Schlafpritsche nacheinander Pantoffel, Socke, glühende Kippe in den Nacken eines Passagiers auch noch sein Gebiss verlor, während er seinen Rausch ausschläft. In Delhi deponiere ich überflüssiges Tibetequipment im Hotel. Für eine kleine Handvoll Dollars erwirbt ein fahrtüchtiges Rad. Die Idee auf diese Art Rajasthan zu erkunden, gefällt ihr. Zuvor noch ein kleiner Abstecher nach Agra. Ehrfürchtig stehen wir vor dem sagenhaften Monument der Liebe, dem Taj Mahal. Welch ein Bauwerk! Da Agra außer diesem Mausoleum und dem gewaltigen Fort Agra nicht viel mehr zu bieten hat, als ein Haufen erfindungsreicher Nepper und Schlepper sind wir schon bald auf der Piste Richtung Westen, nach Rajasthan. Teils auf Nebenrouten durchfahren wir hübsche, kleine Dörfer mit Lehmhäusern. Hier sind Kamele noch das Haupttransportmittel. Die Menschen überschütten uns mit Freundlichkeit und Neugier. Hier erfahre ich eine neue Leichtigkeit des Radreisens. Rajasthan hat einfach ideale Bedingungen. Ein mildes Klima im Winter. Billige Unterkünfte in den meisten Orten. Man braucht fast nichts. Entlang an den Strassen gibt es auch Fahrradpannendienste. Für sehr wenig Geld wird fast jeder Schaden behoben. Anja lässt mit ihrem Klapperrad keines dieser aus. Sie hält sich wacker auf ihrem Herobike mit sehr dürftigem Sattel und selbst wenn wir nach Stunden am Abend ein Dorf erreichen, ist sie, zu meiner Beruhigung und freudigen Überraschung, trinkt sie kein heißes Wasser sondern noch ein Bierchen. Bald erreichen wir die erste Großstadt in Rajasthan.
Wie ein Leuchtturm in tosender Brandung wirkt der “Palast der Winde” im Chaos und Gewirr der “rosaroten Stadt” Jaipur. Am Abend aber erleben wir ein wahres indisches “Highlight”. Wir gehen ins Kino!
Das Grundschema eines typischen Movie aus der Filmfabrik Bollywood ist gleich. Gut kämpft gegen Böse. Und dazwischen eine orientierungslose, rehäugige Schönheit, die Anfangs etwas auf der Leitung
steht um den Guten vom Bösewicht zu unterscheiden. Indien ist das Land mit den meisten Kinos auf Erden. Zu später Stunde zwängt sich der indische Gesellschaftquerschnitt, Arm und Reich, Mann und Frau, vom Säugling
bis zum Greis in den Saal. Gezeigt wird alles. Wüste Schlägereien, Mord und Totschlag, Vergewaltigung. Unterbrochen wird der Film öfters durch schnulzige Gesangs und Tanzeinlagen mit den Hauptdarstellern, die zwar
keinen direkten Bezug zum Film haben, aber zum indischen Kino gehören, wie hier der Kuhschiss auf die Strasse. Trotz Vorführung in Hindi, fällt es uns nicht sonderlich schwer, die banale Handlung zu
durchschauen. Die Fäuste fliegen und das Publikum geht johlend mit. Applaus für jeden Treffer. Das aufgerissene Hemd unseres Helden treibt eine Gruppe betagter Frauen zur Extase. Gesangseinlagen werden klatschend
begleitet. Die Menge tobt, als der beliebte Supercop auftaucht. Tosender Beifall für jeden Hieb auf die Kauleiste eines Schurken. Das Brechen der Knochen schallt im Dolby-Surround bis in die letzten Winkel. So geht
es bis zum spektakulären Showdown. Der Supercoup räumt auf, die Gerechtigkeit siegt, der Held rettet Rehäuglein und der Kinosaal verwandelt sich in einen Hexenkessel. Schweissgebadet treten wir den Heimweg an, nicht
ohne uns in einer Nachtbar mit ein Bier abzukühlen.
Weiter gehts nach Pushkar, ein überschaubarer, malerischer Pilgerort, an einem kleinen See gelegen. Pushkar mauserte sich im Laufe der Zeit zu einem ausgesprochenem Hippieeldorado. Hier probieren wir
unseren ersten “Banglassi”. Gewöhnlich ist Lassi ein aus Joghurt geschlagenes, weit verbreitetes Erfrischungsgetränk. Ob gesalzen, gesüßt oder mit Fruchtgeschmack. Sogar mit geriebenen Mariuhana...dem Bang. Zuerst
passierte nichts, dann wird alles sehr lustig. Noch ein Becher und ich wäre auf einer Kuh zurück zum Hotel geritten.
Wir radeln südwärts durch die dünn besiedelten Weiten Rajasthans. Eine trinkfreudige LKW Besatzung chauffiert uns zwecks ihrer Unterhaltung nach Udaipur, die Stadt des Sonnenaufgangs. Ist Pink
die Farbe Jaipurs, so ist strahlendes Weiß die Farbe Udaipurs, besonders am Morgen. Sie gilt als eine der romantischsten Orte der Welt. Umgeben von zum Teil steil aufragenden Hügeln liegt die Stadt in einer sehr
fruchtbaren Landschaft, umgeben und durchzogen von mehreren Seen. Udaipur war Schauplatz des James Bond Klassikers “Octopussy”, der allabendlich in vielen Restaurants als Video über die Mattscheiben flimmert.
Feudale Paläste, Havelis, Tempeltürme und Kuppeln spiegeln sich im Picholasee, auf dem, wie ein Ozeandampfer, das luxuriöse Lakepalace Hotel liegt. In der Ferne, hoch oben auf einer Bergspitze, thront stolz und
geheimnisvoll der Monsoonpalast, einst Hauptquartier des Gegenspieler von Agent 007. Zu empfehlen ist hier auch eine Fahrt mit einer Motorrikscha! Als ich einen Fahrer bitte, mich eiligst zur Bootsanlegestelle zu
bringen, um rechtzeitig zum Sonnenuntergang auf dem See zu sein, diente die wilde Verfolgungsjagd aus “Octopussy” offensichtlich zum Vorbild.
Meine (Reise)zeit läuft unaufhaltsam ab. Dabei wünsche ich mir gerade jetzt mehr Zeit für diesen interessanten, bunten Landstrich Indiens. Jaisalmer wird meine letzte Station. Weltfern und inmitten
der Wüste Thar, zwischen Pakistanischer Grenze und dem ehemaligen Atombombentestgebiet erhebt sich
aus ockerfarbenden Sandstein, die majestätische Festung Jaisalmer. Man sagt, sie sei die schönste Wüstenstadt überhaupt. Imnnerhalb der Zitadelle ein Labyrinth aus reich verzierten Häusern und verwinkelten Gassen, in der schon mal eine Kuh stecken bleibt. Erinnert mich sehr an die marokkanischen Medinas, jedoch wirkt hier alles ruhiger und gelassener. Wir sind hier nicht nur zum Spaß! Für den nächsten Morgen chartern wir Kamele. Ausgestattet mit etwas Kamelritterfahrung
aus der Sahara, schwing ich selbstbewusst auf den Höcker von Rajuf. Gefolgt von Anja auf ihrem widerspenstigen Lalu und den beiden Guides auf Pepsi, geht's in die weite Steppe. Gegen Abend erreichen wir einen größeren Sandkasten. Unsere Kameljungs entpuppen sich auch als vorzügliche Köche und kümmern sich aufopfernd um uns. Doch bevor am Lagerfeuer gekocht und unser Nachtlager unter freiem Himmel bereitet wird, werden stets zuallererst die Kamele versorgt. Die Sättel werden bei der kleinsten Rast abgenommen und sofort Wasser und Futter bereitgestellt. Auf einer Sanddüne genießen wir die untergehende Sonne bis wir “zu Tische” gerufen werden. Dick in Decken und Schlafsäcken verpackt, starren wir in dieser kühlen Nacht in ein Meer von Sternen bis wir in einen tiefen Schlaf versinken.
Zurück in Jaisalmer begeben wir uns auf die lange Zugfahrt nach Delhi. Kurioserweise endet meine Reise wie sie begann: Theater mit dem Taxifahrer und dann mit dem Gepäck am Flughafen. Aber “
Welcome to India!”
Jederzeit wieder!!!
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